Erna Siem

wurde am 18.11.1890 in Flensburg geboren. Sie besuchte das Seminar für Lehrerinnen an mittleren und höheren Schulen und bestand ihre erste Prüfung am 10.3.1910 in Lübeck. Danach arbeitete sie an einer Schule in Hamburg. 1911 ging sie nach Muskau im Landkreis Görlitz und unterrichtete ab 1912 in Budapest. Ab 27.7.1918 unterrichtete sie in Appenrode und bestand ihre zweite Prüfung am 1.10.1919. Ab Anfang März 1921 arbeitete sie als Lehrerin in Göttingen.1

Erna Siem war Mitglied im Internationalen Jugendbund (IJB), sie wird aber kaum vor ihrem Umzug nach Göttingen der Organisation beigetreten sein. 1923 vollzog Siem den Eintritt der Mitglieder des IJB in die SPD und war aktiv in der Frauen-Arbeitsgemeinschaft (später Politische Frauengruppe) der SPD. Anfang 1925 löste sie Luise Henkel in der Leitung der Gruppe ab.2 Im August des Jahres übernahm sie für kurze Zeit den stellvertretenden Vorsitz des Ortsvereins der Partei (Vorsitz Fritz Schmalz), bis die IJB'ler ein paar Monate später aus der Partei ausgeschlossen wurden.

Anfang des Jahres 1926 wurde sie Mitglied im neugegründeten Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) und wohnte für einige Zeit auch im Nikolausberger Weg 67. Sie arbeitete zu der Zeit als Lehrerin an der Mädchen-Mittelschule (Personnschule) in Göttingen. An den Kursen des Lehrerkampfbundes (LKB)nahm sie ab 1928 teil.

Siem unterstützte die Arbeit der Ortsgruppe z.B. durch Abhaltung von Kursen (Hygiene, im Juli 1927). Die doppelte Belastung als Lehrerin und ISK-Aktivistin setzte ihr anscheinend zu. So versuchte sie, zumindest ihre Ferien von den ISK-Verpflichtungen freizuhalten. Auch sagte sie z.B. das viertägige Bezirkstreffen der Organisation im August 1930 in der Walkemühle ab, sehr zum Missfallen von Willi Eichler.3 Siem erreichte danach eine Beurlaubung aus gesundheitlichen Gründen von ihrer ISK-Arbeit bis Ostern 1931.4 Für den Bundestag 1931 war sie aber wieder tätig, sie dolmetschte für die zehn Genossen aus England.5

Am 20.9.1932 richtete die Versammlung des Elternbeirats der Personnschule einen Brief an den Stadtschulrat Koch. In ihm ging es um das Verhalten der beiden ISK-Lehrerinnen Maria Kneisel und Erna Siem. Anhörungen zogen sich bis zum März hin, am 20.3.1933 wurde ein Dienststrafverfahrens gegen Maria Kneisel und Erna Siem eingeleitet.6 (Zu dem Vorgang: Maria Kneisel) Am 3. April wurde die vorläufige Dienstenthebung angeordnet, was eine zehnprozentige Einbuße des Einkommens bedeutete.7 Eine Woche später wurde die Wohnung von Maria Kneisel und Erna Siem, die gemeinsam im Steinsgraben wohnten, durchsucht.

Anfang Mai 1933 erlitt Erna Siem nach den Aufregungen der letzten Wochen einen Nervenzusammenbruch. Ihr Arzt schrieb ihr ein Attest, das sie vorläufig vor der Vernehmung durch die Polizei schützte. Kriminalassistent Wilhelm Alfter hielt dazu fest: Die Lehrerin Erna Siem konnte zur Sache nicht vernommen werden, da sie einen Nervenzusammenbruch erlitten hat und nach Angabe des behandelnden Arztes, Dr. Warndt, vorläufig nicht vernehmungsfähig ist.8

Das Dienststrafverfahren zog sich hin, im Sommer sollten in der Sache Siem und Kneisel noch einmal Zeugen vernommen werden.9 Schließlich wurde das Verfahren am 10.4.1934 eingestellt, die meisten Vorwürfe waren tatsächlich gegenstandslos, die Beziehungen zum ISK reichten für eine Bestrafung nicht aus.10 Der Direktor der Mädchen-Mittelschule betrieb daraufhin die Versetzung der beiden ISK-Lehrerinnen. In seiner Bitte schrieb der Rektor, dass das Vertrauensverhältnis zerstört wäre, zudem hätten die Kolleginnen gegen die beiden ausgesagt. Bei Rektor und Kollegium wären die schlimmsten Befürchtungen wegen ihrer Wiedereinstellung entstanden.11

Im Herbst 1934 unterrichtete Erna Siem bereits in Kassel.12 Im Urteil vom 29.4.1936 gegen die Göttinger ISK'ler war noch einmal von ihr die Rede. In der Urteilsbegründung zu Heinrich Düker hieß es: Er (Düker) hat ferner an einer Zusammenkunft von dem ISK nahestehenden Personen in der Wohnung der ehemaligen Lehrerin Erna Siem – verfolgt in O Js (unleserlich)0/36- am 22.10.1935 teilgenommen, die polizeilich heimlich überwacht wurde und in der an den wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Massnahmen des Staates scharfe Kritik in hämischer und beleidigender Form geübt wurde. Ausser Fräulein Siem war bei dieser Zusammenkunft auch der inzwischen nach Holland geflüchtete Theo Hüppeden, ein führendes Mitglied der Kasseler ISK-Gruppe zugegen (Hüpeden wurde am 20.12.1940 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt). Ihrem Wesen und Inhalt nach stellte diese Aussprache nichts anders dar, als einen Austausch (von) Gedanken, die der in der Funktionärsversammlung empfohlenen Propaganda von Mund zu Mund zu dienen geeignet waren. Der Inhalt dieser Unterhaltung, wie protokollarisch festgelegt ist, wird durch die Aussage des Zeugen Kriminalkommissar Lange aus Göttingen in vollem Umfange bestätigt.13

Dies führte anscheinend zu einer Anklageerhebung im Herbst 1936. Anfang November berichtete Willi Eichler davon, dass unsere alte Freundin Erna S. neu erkrankt (verhaftet, verdächtigt, inhaftiert) ist. Man sagt ihr Beziehungen zu jenen Freunden nach, die vor einigen Monaten in meiner alten Heimatstadt verurteilt sind. Diesen selber geht es übrigens verhältnismässig gut.14 Das Urteil in einem leider noch nicht bekannten Prozess brachte ihr 6 Monate Gefängnis ein.15



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Literatur und Quellen

Breuker, Ulrich (1974): Die SPD in Göttingen. Eine Studie zum Wiederaufbau und zur Entwicklung der Partei 1945 - 1949 unter Berücksichtigung ihrer lokalen Geschichte während der Weimarer Zeit. Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien. Göttingen.

Gefangenenpersonalakte Gustav Funke: Strafgefängnis Hameln. Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann. 86a Hannover Acc. 2000/057 Nr. 195.

Internationaler Jugend-Bund (IJB) / Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK), Aktengruppe: ISK, Bundestage, Parteiausschusstagungen, Konferenzen, Treffen, Besprechungen, Aussprachen, Kurse, Funktionärsbefragungen: Bericht auf dem Ersatz-Bundestag des ISK am 11. Juli 1942. Archiv der sozialen Demokratie, 4/IJB-ISK000010.

Internationaler Jugend-Bund (IJB) / Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK), Aktengruppe: ISK, Korrespondenz A (1925-1933), ISK-Untergliederungen an Bundesvorstand: Briefe, Berichte 1930-33. Archiv der sozialen Demokratie, 4/IJB-ISK000012.

Internationaler Jugend-Bund (IJB) / Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK), Aktengruppe: ISK, Korrespondenz A (1925-1933), ISK-Untergliederungen an ISK-Bundesvorstand: Monatsberichte 1930. Archiv der sozialen Demokratie, 4/IJB-ISK00020.

Internationaler Jugend-Bund (IJB) / Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK), Aktengruppe: ISK, Korrespondenz B (1933 - 1946): Korrespondenz 1936. Archiv der sozialen Demokratie, 4/IJB-ISK000030.

Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK). Stadtarchiv Göttingen, Pol. Dir. Göttingen, Fach 155, Nr. 5.

Schulakte Erna Siem: ISK-Lehrer. Stadtarchiv Göttingen, Schulverwaltungsamt C 44,Lehrerpersonalakre: Erna Siem.

Schulakte Maria Kneisel: ISK-Lehrer. Stadtarchiv Göttingen, Schulverwaltungsamt C 44, Lehrerpersonalakte Maria Kneisel.



1Schulakte Erna Siem, S. 1, Personalbogen Erna Siem.

2Breuker 1974, S. 23, 1925 - Einfluss IJB auf die Frauenarbeit in der SPD.

3Internationaler Jugend-Bund (IJB) / Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK), Aktengruppe: ISK, Korrespondenz A (1925-1933), ISK-Untergliederungen an ISK-Bundesvorstand, S. 2, Vierteljahresbericht 2/1930.

4Ebenda, S. 3, 17.10.1930 - ISK-Ortsverein Göttingen.

5Internationaler Jugend-Bund (IJB) / Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK), Aktengruppe: ISK, Korrespondenz A (1925-1933), ISK-Untergliederungen an Bundesvorstand, S. 16, 29.6.1931 - Willi Eichler an OVV.

6Schulakte Maria Kneisel, S. 17, 24.3.1933 - Reg.Abt. für Kirchen- und Schulwesen, Hildesheim an Magistrat Göttingen – Kneisel.

7Ebenda, S. 15, 3.4.1933 - Reg.Präs. Hildesheim - Beschluss über vorläufige Dienstenthebung.

8Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK), S. 69, Bericht Alster über Erna Siem, 4.5.1933.

9Schulakte Erna Siem, S. 15, 11.7.1933 - Stadtschulrat - Vernehmungen von Zeugen zu Dienststrafverfahren.

10Ebenda, S. 25, 10.4.1934 - REM Abschrift - Einstellung des Dienststrafverfahrens gegen Kneisel.

11Schulakte Erna Siem, S. 18, 25.4.1934 - Direktor Mädchen-Mittelschule - Bitte um Versetzung von Siem und Kneisel wegen kaum vorstellbarer Integration in den Lehrkörper.

12Ebenda, S. 19, 13.10.1934 - OB Kassel an OB Göttingen - Nachfrage Diensteid Siem.

13Gefangenenpersonalakte Gustav Funke, S. 20, 29.4.1936

14Internationaler Jugend-Bund (IJB) / Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK), Aktengruppe: ISK, Korrespondenz B (1933 - 1946), S. 2, 3.11.1936 - Eichler Bericht.

15Internationaler Jugend-Bund (IJB) / Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK), Aktengruppe: ISK, Bundestage, Parteiausschusstagungen, Konferenzen, Treffen, Besprechungen, Aussprachen, Kurse, Funktionärsbefragungen, S. 19, 11.7.1942 - Bundestag des ISK - Bericht Willi Eichler zu Verhaftungen und Urteilen.

Rainer Driever