Stammbuchsammlung

Stammbuchblatt Stammbücher waren zwischen ca. 1750 und ca. 1830/40 vor allem unter Studenten populär. In ihnen wurden Einträge von Kommilitonen und Bekannten, aber auch Professoren gesammelt, die mit Sinnsprüchen, Zitaten, Freundschaftszeichen u. ä. angereichert sowie mit gelegentlichen Originalillustrationen ausgeschmückt waren. An der 1737 gegründeten Göttinger Universität ging man seit 1750 dazu über, statt dieser meist von berufsmäßigen Stammbuchmalern angefertigten Originalillustrationen eigens dafür hergestellte Kupferstiche in die Stammbücher einzukleben. Daraus entwickelte sich ebenfalls in Göttingen seit 1780 eine neue Form des Stammbuches, das jetzt aus mit Kupferstichen geschmückten losen Blättern bestand, die man in Schubern sammelte. Göttingen wurde zu einem Zentrum der Produktion dieser Stammbuchkupfer und der studentischen Stammbuchkultur überhaupt, bis seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Poesiealben das historische Erbe der Stammbücher antraten.

Insgesamt kann man davon ausgehen, dass bis 1840 mehrere tausend Göttinger Studenten ein Stammbuch geführt haben. 316 von ihnen befinden sich in der Sammlung des Stadtarchivs Göttingen, das damit neben den Sammlungen in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar (ca. 650 Nummern) und dem Niedersächsischen Staatsarchiv in Wolfenbüttel (265 Nummern) eine der größten Stammbuchsammlungen Deutschlands besitzt. Weitere wichtige Bestände speziell Göttinger Stammbücher besitzen die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (ca. 60 Nummern) und das Historische Museum am Hohen Ufer in Hannover (ca. 40 Nummern). Eine unbekannte, aber sicher sehr hohe Zahl von Stammbüchern und Stammbuchblättern ist weiterhin in Privatbesitz und wird z. T. über einen florierenden Antiquariatshandel angeboten.

Stammbuchblatt Der historische Quellenwert der Stammbücher ist ein doppelter: Zum einen können die Originalillustrationen bzw. später die Kupferstiche als bildliche Quellen dienen, zum anderen lassen sich die schriftlichen Einträge unter den verschiedensten Fragestellungen auswerten. Wegen der zentralen Rolle, die Göttingen bei der Entstehung und späteren massenhaften Produktion der Stammbuchkupfer spielte, sind die Bestände des Stadtarchivs Göttingen, der Universitätsbibliothek Göttingen und des Historischen Museums in Hannover in bezug auf die bildlichen Darstellungen schon mehrfach bearbeitet worden.

Dass auch die schriftlichen Einträge eine wertvolle kulturhistorische, sozialhistorische, literaturgeschichtliche oder genealogische Quelle darstellen, ist unstrittig. Angesichts der Tatsache, dass die Georgia Augusta in der zweiten Hälfte des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts zur wohl renommiertesten deutschen Universität aufstieg und Gelehrte und Studenten aus ganz Europa nach Göttingen zog, sind die Göttinger Bestände in dieser Hinsicht von besonderer Bedeutung. Wegen der gewaltigen Zahl der schriftlichen Einträge von über 17000 war ihre Auswertung bisher allerdings nur für ausgewählte einzelne Bücher möglich. Die wissenschaftliche Auswertung auf breiterer Grundlage scheitert in der Regel daran, dass die überwiegende Mehrzahl der Stammbücher nur unzureichend erschlossen ist, so dass der Interessierte nur unter großen Schwierigkeiten Antworten auf seine Fragen erhalten konnte. Dies können Fragen nach dem Namen, dem Geschlecht und der Herkunft der Stammbucheinträger sein, dem Ort, dem Datum und der Sprache ihrer Einträge, ob Sinnsprüche, Zitate, und wenn ja, aus welchen Quellen, verwendet wurden, ob Zirkel, Devisen, Memorabilia oder biographische Anmerkungen auf den einzelnen Blättern vermerkt sind, Silhouetten, Schattenrisse, Zeichnungen, Noten oder Wappen, vielleicht gar kleine kartographische Werke eingelegt oder die Blätter mit Stickereien, Bandschmuck oder Haararbeiten verziert wurden.

Um diese Quelle einem breiten Nutzerkreis zur Verfügung zu stellen, wurden zwischen 1996 und 1999 die handschriftlichen Einträge sämtlicher Stammbücher des Göttinger Stadtarchivs systematisch nach formalen und inhaltlichen Kriterien erschlossen. An dem Projekt waren nacheinander die wissenschaftlichen Mitarbeiter Ulrich Rasche, Hans-Joachim Heerde und Maria Hauff beteiligt. Das Ergebnis ist eine auf der Basis des EDV-Programms ALLEGRO erstellte Datenbank, in der jeder der knapp 17.700 Einträge als Datensatz erfasst und mit Hilfe definierter Kategorien erschlossen wurde, die über das Stammbuch (Umfang, Laufzeit, Illustrationen), den Stammbuchführer und den einzelnen Eintrag (Einträger, Eintragungssprache, Herkunft, Beruf, Immatrikulationsdatum etc.) Auskunft geben. Selbstverständlich sind bei der Auswertung auch Verknüpfungen möglich, die verschiedene Kategorien mit einander kombinieren (z. B. können alle Einträge Göttinger Theologen zwischen 1780 und 1800 in hebräischer Sprache oder alle Goethe-Zitate baltischer Studenten ermittelt werden). Ergänzt werden die meisten Einträge durch Abbildungen der zugehörigen Kupferstiche. Über zehn Register lassen sich folgende Sachgruppen/Kategorien erschließen:

  1. Personen-Namen
  2. Herkunft
  3. Eintragungsort
  4. Eintragsdatum
  5. Sprache
  6. Zitat
  7. Illustration
  8. Stichworte
  9. Signaturen
  10. Geschlecht, Memorabilia, Symbola, Zeichen u. a.

Da sämtliche Stammbücher auch als Mikrofiches vorliegen, besteht zudem die Möglichkeit, über das Stadtarchiv von einzelnen Einträgen/Seiten Kopien zu erhalten. Stammbuchblatt


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